«Schnittstelle» im Kunstraum Winterthur
4. Februar bis 20. März 2011


Ein Dialog im Raum mit Nesa Gschwend & Katharina Henking

Nesa Gschwend, 2010. Hüllen, Stoff, Graphit, Wachs, Garn, Draht 100 × 40 × 40 cm
Vor gut 33 Jahren sind sich Nesa Gschwend und Katharina Henking zum ersten Mal in St. Gallen begegnet. Beide befanden sich damals am Ende ihrer Erstausbildungen an der Schnittstelle zu ihren am Anfang stehenden künstlerischen Laufbahnen.
     Der Kontakt verebbte seitdem nie ganz und intensivierte sich gerade in den letzten Jahren wieder von neuem. Daraus entwickelte sich die Idee einer gemeinsamen Ausstellung als weitere Schnittstelle ihrer persönlichen Biographien. Eine andere Schnittstelle liegt im Zu- und Zerschneiden des Materials, das im jeweiligen Arbeitsprozess beider Künstlerinnen eine zentrale Rolle spielt — aber auch ganz konkret im Aufeinandertreffen beider Positionen im Raum.
     In einem gemeinsamen Künstlergespräch wird der Dialog über die künstlerische Entwicklung und begangenen Wege seit der ersten Begegnung Ende der Siebziger- Jahre aufgerollt.

Nesa Gschwend
entwickelt anhand von Objekten aus textilen Materialien und Videoarbeiten meist grossräumig angelegte Installationen. Der Körper und sein Ausdruck bildet den Ausgangspunkt ihrer Arbeiten und ist eng geknüpft an die jahrelange Auseinandersetzung mit der Performance. Das Porträt als Schnittstelle von innen und aussen wird in der Installation im Kunstraum als ausgeschnittene und gespiegelte Doppelköpfe im Raum inszeniert. Durch ihre Bewegung lösen sie sich auf oder wenden sich ab, überkreuzen sich und verbinden sich mit den am Boden liegenden Körperhüllen, die wie kleine abgelegte Schutzpanzer aus dem immer gleichen Grundmaterial durch Nähen, Zusammenziehen und Falten entstanden sind. In der Videoarbeit Circulation scheinen Hände etwa zu formen, das sich gleichzeitig wieder auflöst. Der Körper und seine ihm innewohnenden Prozesse werden in allen gezeigten Arbeiten umkreist und bleiben letztendlich flüchtige Wahrnehmungen, die das Vergängliche widerspiegeln.

Katharina Henking, 2008. Rosette Wheel of Soldiers, Wandpapierschnitt

Katharina Henking ist in erster Linie Zeichnerin und arbeitet hauptsächlich mit und auf Papier. Parallel ab Mitte der Neunziger Jahre entwickelt sich der Papierschnitt als Medium, nebst kleinformatiger Serien meist als wandfüllende Installationen oder Environments, die vereinzelt auch mit Sound untermalt werden und auf die jeweilige ortsbedingte Situation eingehen. Rhythmus, ein Spiel mit Form und Binnenform, das Verschieben von Grössenverhältnissen und Bezügen, das Absurde, Prekäre und Ambivalente, aber auch das Ornamentale und Schöne, das sich oft als Fallgrube entpuppt, sind Elemente im Schaffen der Künstlerin. Seit Jahren dienen nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Sujets aus den Printmedien oder alltägliches Material als Vorlage. Doch es geht nie um das Abbild einer äusseren Wirklichkeit, sondern stets um ein freies Assoziieren, Umkreisen und Verfremden, Ordnen und Kombinieren. Für den Kunstraum Winterthur entwickelt Katharina Henking eine in Schichten und Überlagerungen angelegte installative Arbeit aus mit Papier geschnittenen und geformten Motiven, die erst vor Ort ihre definitive Form findet.

Link zum Kunstraum Winterthur

Rathaus Aarau, Vernissage 22. Oktober 2010


Eine Einführung von Corinne Schatz, Oktober 2010

Wie eine Lebensader durchströmt die Arbeit „Red Strings Through My Hands“, welche auch der Ausstellung von Nesa Gschwend den Namen gibt, das Aarauer Rathaus und verbindet nicht nur die Raumebenen sondern auch die darin gezeigten Arbeiten miteinander. Durch alle vier Stockwerke hinauf schlingen sich die aus hauptsächlich roten Saris geknüpften Seile, verknoten sich an manchen Stellen und steigen in mehreren Strängen in die Höhe.
    Die meisten Arbeiten, die Nesa Gschwend in Aarau zeigt, sind während oder anschliessend unter dem Eindruck ihres sechsmonatigen Aufenthalts 2009 in Indien, in Varanasi, jenem geschichtsträchtigen Pilgerort am Ganges entstanden. Es sind Installationen, Objekte, Zeichnungen, aber auch Videoaufnahmen von Performances. Es kristallisieren sich darin die Faszination wie auch die Zwiespältigkeit angesichts der viel zitierten Gegensätzlichkeit dieses Subkontinents, wo Archaisches neben Futuristischem parallel existiert und man von Augenblick zu Augenblick von weit entfernter Vergangenheit in die Zukunft katapultiert wird.
 
Zwei Themenkreise möchte ich in meiner Ansprache aufgreifen, die in diesen Arbeiten exemplarisch Ausdruck erhalten und sich zugleich nahtlos in das Gesamtwerk von Nesa Gschwend einfügen. Dies ist zum einen mit den Stichworten „Körper – Haut – Hülle – Raum“, zum andern mit den Worten „Zeit – Vergänglichkeit – und einer aktiven oder kontemplativen Haltung“ zu umreissen. Beide Themenkreise berühren und durchdringen sich in den Werken von Nesa Gschwend in vielfältiger Weise.       
Der Körper als Raum der eigenen Existenz, die Haut als Grenze zwischen innen und aussen und zugleich als permeable Membran, welche die Begegnung, die Berührung mit der Aussenwelt überhaupt ermöglicht, sind von zentraler Bedeutung in Nesa Gschwends Arbeit seit Beginn an. Und eng mit der Haut verbunden und häufig als Metapher für diese, aber auch in ihrer selbstbezogenen Bedeutung tritt die textile Hülle immer wieder in Erscheinung. Der Sari, diese 5-6 Meter lange Stoffbahn, die mit spezieller Technik um den Körper gewickelt wird, könnte als eine Urform der Bekleidung gesehen werden. Dass sich in dieser Bekleidung nicht nur die persönlichen Lebensspuren ihrer Trägerinnen einprägen, sondern an den Farben und Mustern und der Stoffqualität – die vom einfachen Baumwollstoff bis zur goldbestickten Seide reicht – sowie in der Wickeltechnik auch die geografische und ethnische sowie die soziale Herkunft ablesbar werden, geben diesen Textilien eine über das Individuelle hinausgehende gesellschaftliche Bedeutung. So ist der Sari zugleich schützende Bekleidung wie entblössendes Merkmal.       
Diese Ambivalenz nutzt Nesa Gschwend auch in ihrer zweiten Arbeit, in der sie die Sari-Seile eingesetzt hat. Ich zitiere dazu Gabrielle Obrist, die Kuratorin in der Kunsthalle Wil: „Eine besondere Prägnanz erhielten diese Knotenschnüre, als Nesa Gschwend ihren Körper vielfach damit umwickelte und sich, so behängt, regungslos inmitten eines chaotischen Kreiselverkehrs den neugierigen Augen der Vorübergehenden und Vorbeifahrenden präsentierte. Sie, die Fremde, verfremdete die Normalität des Alltags mit zu rituellen Requisiten stilisierten ortsüblichen Körperhüllen und entrückte sich selbst mitten im Trubel aus dem eigentlichen Geschehen. Welche Faszination und Verwunderung diese absonderliche Präsenz bei den Hinzutretenden bewirkte, zeigen die Filmaufnahmen dieser Performance «Red Strings through my Hands», die darüber hinaus immer wieder überraschende Nebenschauplätze vor Augen führen.“
Wenn also die Künstlerin umschlungen von diesen Sari-Seilen mitten im Verkehr auf einer Kreuzung steht, symbolisieren sie schützende Hülle aber auch schicksalhafte Verstrickung.
    In einer anderen Weise hat Nesa Gschwend in der Performance und Installation My Body My Place eine Hülle geschaffen: In dieser Videoarbeit sehen wir zwei Ausschnitte – einen vom Morgen und einen vom Abend - aus einer mehrstündigen Performance. Die Künstlerin sitzt auf dem Dach eines der zahllosen Schreine am Ufer des Ganges, mit dem Rücken zum Wasser. Auf ihrem Schoss liegt ein grosses Tuch auf das sie fortwährend schreibt. Verschiedene Flüsse schieben sich aneinander vorbei: im Hintergrund der heilige Fluss Ganges, die Lebensader des Hinduismus, im Vordergrund die Menschen und Tiere, die an ihr vorbeiziehen. Die Schreibende ist ausserhalb dieser beiden Ströme und erzeugt zugleich einen dritten – den Strom der Gedanken, der sich im Schreiben auf das Tuch ergiesst.
    Am Ganges spielt sich sowohl alltägliches, spirituelles und rituelles Leben ab, ja das Rituelle ist durch die nie endenden Pilgerströme aus dem ganzen Land eigentlich das Alltägliche an diesem Ort. Darin fügt sich Nesa mit ihrem Tun ein. Aus dem Tuch, in das die Beobachtungen von einem Tag an einem Ort eingeschrieben sind, wird ein Gehäuse – so wie die Welt in diesen Stunden um sie herum verging so umfängt einen nun als Konzentrat, als Spur und Haut, dieser ganze Tag mit allen Eindrücken. Auch wenn die Schrift für uns nicht zu entziffern ist, ist ihr Gehalt präsent und bildet einen Erinnerungsraum.

Zwei Haltungen nimmt Nesa Gschwend in den beiden genannten Arbeiten gegenüber der Welt und dem Lauf der Zeit ein: das in Ruhe Stillsitzen und das im Fluss Mittreiben und Mitwirken, indem sie ihr eigenes „Ritual“ durchführt. Und damit knüpft sie an Lebenshaltungen an, die in unserer Kultur, zurückgehend auf Aristoteles, mit vita contemplativa und vita activa bezeichnet werden. Die Selbstverständlichkeit, mit der in Indien beide Lebensweisen nebeneinander und miteinander existieren, ist uns in Europa verloren gegangen. Bei uns ist Aktivität längst in Aktivismus übergegangen.
    Vor diesem Hintergrund ist die Vertiefung in ein einfaches Tun, ein aktives Sein und zugleich die Ruhe im stillen, stundenlangen Dasitzen oder Dastehen, wie wir es in diesen beiden beschriebenen Performances beobachten können, von grosser Wirkung und Aussagekraft.
In beiden Werkgruppen wird die nicht zu bestimmende, weil fliessende Grenze zwischen Materie und ihrer Auflösung ins Immaterielle, zwischen dem Sichtbaren und dem Spirituellen erahnbar.



Link zum Rathaus Aarau

Wegbeschreibung / Karte



my Body my Place


Gabrielle Obrist zur Installation in der Kunsthalle Wil 
Nesa Gschwend lässt ihre physische Wahrnehmung zum Brennglas für das Fremde werden. Während ihres mehrmonatigen Aufenthalts in Varanasi (Pilgerort im Staat Uttar Pradesh, Indien) 2009 tauchte die Künstlerin ein in die von extremen Gegensätzen geprägte Welt des indischen Subkontinents. Die Irritation und Faszination, welche ihr die Berührung mit dem oft Unverständlichen bescherte, liess sie noch vor Ort in ihr künstlerisches Gestalten einfliessen und schuf performative, filmische wie zeichnerische Werke von grosser Intensität und Dichte. Die von ihr verinnerlichten Begegnungen mit sehr unterschiedlichen Menschen und Lebensumständen, ihre Beobachtungen und Schlüsse führte sie in bildstarke Metaphern über und konfrontierte die Passanten ihres temporären Wirkungsortes mit ihren für die Einheimischen ihrerseits fremdartigen Ausdrucksformen.
     So entstand für die Künstlerin ein Dialog mit ihrem Gastland, der es ihr erlaubte, Bewunderung für die vielschichtige Kultur auszudrücken, kritische Fragen zur gesellschaftlichen Hierarchie nonverbal in den Raum zu stellen sowie ihre persönliche Sichtweise in prägnanten Ritualen auszudrücken.
In der Kunsthalle Wil breitet Nesa Gschwend die ganze Vielfalt ihrer indischen Werke aus, wobei die über einen Zeitraum von vielen Wochen entstandenen Arbeiten nun als ein grosses Ganzes verflochten sind und die einzelnen Exponate gleich variierenden Splittern eines Kaleidoskops einen immer wieder neuen Gesamteindruck entstehen lassen. Dreh und Angelpunkt allen Tuns und Schaffens ist der Körper der Künstlerin, der als Akteur oder als Projektionsfläche, als Störfaktor oder als Antenne im Einsatz steht.
     Körperhüllen galt vor Ort das besondere Augenmerk Nesa Gschwends, so erkannte sie in der Verwendung von Saris die Möglichkeit sich mit spezifischen sozialen Fragen auseinanderzusetzen, geben doch schon die materielle Beschaffenheit der verwendeten Stoffe und die Muster deutlich Auskunft über die Lebensumstände der Trägerin. Ein Sari ist eine fünf bis sechs Meter lange Stoffbahn, die an der einen Schmalseite mit einer breite Schmuckborte von anderer Farbe abschliesst. So gedieh bereits das Erwerben von getragenen und ausrangierten Saris der Künstlerin zu einer Milieu-Erkundung und offenbarte ihr Mechanismen von Armut und Geschlechter-Differenz. Die unlösbaren Verstrickungen des Lebensfadens und die schiere Unmöglichkeit, aus der von Geburt vorgegebenen gesellschaftlichen Hierarchiestufe (Kaste) auszubrechen, sind Themen, die folglich in den zerrissenen, verknüpften, zu Ballen gewickelten, die Ausstellung wie Spinnenfäden durchziehenden Sari-Relikten eingeflochten sind: Alle Erfahrung der vormaligen Besitzerinnen dieser Kleider und das wiederholt aufkeimende ohnmächtige Hadern der Künstlerin angesichts der beobachteten und erlebten Verhältnisse scheinen eingeflochten in diese verknäuelten Stränge. Eine besondere Prägnanz erhielten diese Knotenschnüre, als Nesa Gschwend ihren Körper vielfach damit umwickelte und sich, so behängt, regungslos inmitten eines chaotischen Kreiselverkehrs (Chowk) den neugierigen Augen der Vorübergehenden und Vorbeifahrenden präsentierte. Sie, die Fremde, verfremdete die Normalität des Alltags mit zu rituellen Requisiten stilisierten ortsüblichen Körperhüllen und entrückte sich selbst mitten im Trubel aus dem eigentlichen Geschehen. Welche Faszination und Verwunderung diese absonderliche Präsenz bei den Hinzutretenden bewirkte, zeigen die Filmaufnahmen dieser Performance «Red strings through my Hands», die darüber hinaus immer wieder überraschende Nebenschauplätze vor Augen führen.
     Als ein weiteres vielschichtig erkundbares Werk erweist sich das zeltartige Tuch-Gebilde, dessen Oberfläche über und über mit roter Schrift überzogen ist. Nesa Gschwend hat hier einen Speicher geschaffenen, dessen Inhalt indes nicht ohne weiteres zu entziffern ist. Vergleichbar einem Palimpsest liegen Worte unter einer überlagernden Textschicht oder sind durch das Tränken des Stoffes in Wachs zur Unleserlichkeit zerflossen. Das Niedergeschriebene spiegelt die halbbewussten Wahrnehmungen und mäandernden Gedankengänge der Künstlerin bei ihrem stundenlangen Verweilen am Tulsighat. Unbeteiligt sass sie auf dem flachen Dach eines der dem Ganges zugewandten Schreine und protokollierte kalligraphierend das sie umgebende Geschehen und ihr eigenes absichtsloses Sinnieren.
     Das einem meditativen Ritual ähnliche Niederschreiben des von aussen und innen Zufliessenden ist zu sehen in den synchronen Video-Projektionen, die Ausschnitte aus der Performance «My Body my Place» in den Morgen- und Abendstunden zeigen. Das ereignisarme Geschehen am Ufer des träge dahinfliessenden Ganges paart sich mit dem einförmigen Tun der Künstlerin. Nur ab und an würzt ein kurze Episode das sich dehnende Fortschreiten der Schreibarbeit – Intermezzi, die ihrerseits im Kontinuum des am Ganges vollzogenen weltlichen und religiösen Lebens selbstverständlich eingewoben sind. Die aus diesem Prozess hervorgegangene vollgeschriebene Plache mag als Erinnerungs-Journal, als Relikt eines gelebten Tages, als abgelegtes Tages-Gewand des Ortes, als zurückgelassener Kokon des unablässig metamorphosierenden Genius loci gelesen werden. In diese Hülle einzutreten und sich auf das kryptischen Schriftzeugnis einzulassen, lädt Nesa Gschwend die Betrachterinnen und Betrachter in der Ausstellung ein.
Flankiert werden die beiden Installationen von den Zeichnungsserien, die parallel zu allen Filmen und Performances sukzessive entstanden sind. Dem Motiv der unterschiedlich geführten Linien liegt die Mala zugrunde, die im Hinduismus und Buddhismus gebräuchliche Gebetskette. Nesa Gschwend hat ihr Augenmerk insbesondere auf die aus zarten Blüten oder Rosen geschaffenen vergänglichen Zierden gerichtet, die von den Pilgern um den Hals getragen und den Gottheiten verehrt werden. Die duftige Zartheit dieser Blumenketten ist von betörender Schönheit und drückt im religiösen wie zwischenmenschlichen Bereich eine emotionale Wertschätzung gegenüber dem Beschenkten aus. In der abstrahierenden Interpretation dieser Blüten-Mala macht die Künstlerin die Flüchtigkeit des Lebens und – angesichts der schwierigen Daseinsbedingungen der Menschen am Ganges – die Kostbarkeit des Ideellen zu ihrem Thema.



Link zur Kunsthalle Wil

aufWand 10/11 im Theater Tuchlaube, Aarau


Lena Friedli: Gedanken zum Werk von Nesa Gschwend

Im Theater bestimmt ein ständiges Kommen und Gehen die Tagesordnung: Publikum, Schauspieler, Stücke, Gäste kommen, bleiben, wechseln und gehen wieder – Saison für Saison. Es ist ein dynamischer Ort mit viel Bewegung und Begegnung. Ob auf der Bühne, im Zuschauerraum oder in der Theaterbar, Leute treffen, sehen und begegnen sich. Jedes Jahr werden diese Begegnungen
durch ein Kunstwerk ergänzt, das an Ort und für diesen Ort geschaffen wird.
    Dieses Jahr hat sich Nesa Gschwend an Ort zu schaffen gemacht. Die im St. Galler Rheintal geborene und in Niederlenz (AG) lebende Künstlerin ist viel gereist und hatte Atelieraufenthalte in Berlin, Indonesien, Prag oder wie letztes Jahr (2009) in Varanasi, Indien. Ihr aufWand-Werk trägt den Titel „Fluss“, was einiges an Assoziationen zulässt. Wenn man zudem weiss, dass das Werk Aarti gewidmet ist, einer Sadhufrau, die Nesa während ihres Aufenthaltes in Varanasi am Ganges kennengelernt hat, so verbinden sich Titel und Werk: Es hat etwas mit einem Fluss, mit dem Fliessen, mit Bewegung und eben Begegnung zu tun. Ein Fluss hat eine Strömung, transportiert Wasser in eine Richtung, unablässig, ohne Unterbruch. Der Ganges ist der heilige Fluss der Inder. Aarti lebt dort.

    Nesa Gschwends Werk zeigt Gesichter in zwei Linien auf- und aneinander gereiht.     Scherenschnittgleich blicken zwanzig Köpfe in den Raum. Die Wand selbst erhielt einen tiefroten Anstrich, was von weitem als reiner Farb- und Stimmungswert dominiert. Von nahem jedoch gewinnt die Materialität unsere Aufmerksamkeit. So dient die von der Farbe nahezu durchtränkte Wand als Hintergrund, beziehungsweise Ausgangspunkt für das, was die Künstlerin auf der Oberfläche darüber entwickelt. Den Mittelpunkt des Werks bilden zwei horizontal über die Wand gespannte, auf Holzlatten befestigte, beigefarbene Bänder. Von weitem noch kaum identifizierbar, offenbart sich deren Material beim Nähertreten als fragiles textilartiges Gewebe.
    Tatsächlich ist es in Wachs getränktes Papier, welches zugeschnitten und anschliessend vernäht wurde. Die Assoziation Scherenschnitt kommt auf. Eine einfache, gängige Definition des Scherenschnitts könnte folgendermassen lauten: Beim Scherenschnitt wird Papier oder ein anderes planes Material mittels einer Schere oder speziellen Schnittinstrumenten so bearbeitet, dass entweder der verbleibende Umriss oder die Ausschnitte oder beides ein anschauliches Bild ergeben, das sowohl realistisch als auch schematisch sein kann. Damit ist auch die Assoziation eines Musters berechtigt. Nesas Werk zeigt einerseits klar erkennbare Gesichter, besitzt andererseits aber auch eine abstraktere, formale Komponente. Ein Muster ist per se eng verknüpft mit einem gewissen Schematismus. Es ist definiert durch die Wiederholung gleicher Einzelteile in der Fläche. Doch jedes der Gesichter in Nesas Werk ist anders und keines gibt es zwei Mal.
    Da „Fluss“ in Linien aufgebaut ist und die Einzelteile im Detail unterschiedlich sind, kann es als ornamentaler Fries bezeichnet werden. Die besondere Raffinesse des Werks besteht in der eingebauten Spiegelung. Ineinander übergehend, fast verschlungen ist jeder Kopf gespiegelt nochmals dargestellt. Durch die in gerade Linien auslaufenden Schulterpartien der Dargestellten ergibt sich eine abgeschlossene Rahmung der zwei Bänder, innerhalb derer jedoch verspielt und bewegt jeweils zwei Reihen von Köpfen erscheinen. Insgesamt vierzig Köpfe blicken also aus der Wand in die Theaterbar und bilden ein Gegenüber für die Theaterbesucher.
    Die spiegelbildliche Abbildung ist auch in der Geschichte des Ornaments ein gängiges Prinzip. Dabei treten Unregelmässigkeiten, Verschiebungen innerhalb der Symmetrie und Wiederholung oft auf. Obwohl jedes anders ist, wirken die Gesichter sehr ähnlich. Ihre Formwerdung ergab sich unter denselben Bedingungen und ihr Ausdruck ähnelt sich. Gesicht an Gesicht bildet sich eine Reihe, eine Wiederholung und das Bandartige an der Wand wird in der Wirkung sofort zum Ornament, bei dem das Ganze gegenüber den Einzelteilen dominiert.
    Die Frage, ob die Gesichter eher als Gruppe oder als Einzelpersonen zu verstehen sind, lässt sich nicht so leicht beantworten. Vielleicht passt aber gerade dies wiederum zum Theater. Auch dort sind es häufig Einzelpersonen, die von überall her kommend für einen Abend zu einer Gruppe werden, gemeinsam den Resonanzkörper bilden für das, was sich auf der Bühne abspielt und danach wieder ihres Weges gehen. Ebenso offen bleibt die Frage, ob es sich bei den Gesichtern, die uns auf der Wand begegnen um Porträts handelt. Waren es konkrete Individuen, welche Nesa dargestellt hat? Oder sind es bloss Hüllen, Masken, und was ist Dahinter? Die meisten scheinen nett zu sein, wirken lustig. Andere sind schwer einzuschätzen, ihr Ausdruck gleicht eher einem ungemütlichen Grinsen. Nesas Umgang mit dem Porträt funktioniert hier auf einer diffusen Ebene und ist damit weniger klar definiert als in den bereits bekannten Serien der Künstlerin (vgl. Katalog Kunsthalle Wil). Das Porträt, gemeinhin als individuelles, charakteristisches Abbild eines Individuums verstanden, wurde in ein Muster umgesetzt und dadurch systematisiert und abstrahiert. So schwanken die Gesichter zwischen Maske, Schemen und Gesicht.
    Aarti singt in ihrem Lied bei einer Begegnung mit Nesa folgende Worte:


Wenn ich gehe
werde ich ein Lächeln haben
Irgendwann lieber Freund
müssen wir alle gehen
Und wer weiss, wann das ist


Aarti, die „heilige Flamme“ (so die Bedeutung des Namens) und liebgewonnene Freundin Nesas, erscheint nur indirekt in dem Werk durch die Widmung und die Assoziationen, welche hervorgerufen werden. Alles in allem geht es um eine Begegnung – ein Aufeinandertreffen ‚im Fluss’ inspiriert durch das Leben am Fluss. Der Werktitel „Fluss“ steht für Nesa für die Begegnung mit den Leuten am Ganges und für die Weiterführung des Werks mit ihrer diesjährigen Ausstellung im Aarauer Rathaus, welche sich ebenfalls thematisch mit Indien befassen wird. Mit der Anbringung des Werks in der Tuchlaube-Bar entstehen mehrere Verbindungen: eine Verbindung zwischen dem Rathaus und der Tuchlaube, der Schweiz und Indien und damit auch zwischen der nahen Aare und dem Ganges. Das Theater als Kulturort und Begegnungsstätte wird in einen Zusammenhang gestellt mit dem Rathaus als "Ort der Verwaltung von Menschen", wie Nesa Gschwend es nennt. Es sind zwei unterschiedlich Orte, an denen sich Menschen begegnen. Obwohl ein öffentlicher Ort, soll die Theaterbar mit dem diesjährigen aufWand wegen und für Aarti Intimität ausstrahlen, welche die Künstlerin vor allem durch die Wahl der Materialien umgesetzt hat. Die Fragilität des Gesichter-Frieses steht für das Ausgeliefertsein. Denn Aarti lebt in sehr armen, ungeschützten Verhältnissen in einer von Männern dominierten Welt am Ganges. Verletzbarkeit, Ausgeliefertsein und Nacktheit treffen auf Aartis Lebenssituation zu, in einem übertragenen Sinn aber auch auf die Bühnensituation der Schauspieler im Theater.


Link zum Theater Tuchlaube


Aarti Red Strings


Ich hatte mir für meine Arbeit diesen Ort ausgesucht, ohne zu wissen, was er in sich birgt – ohne zu wissen, dass ich dort einer Frau begegnen würde, die ausser ihrem Körper praktisch nichts besitzt. Auch wenn wir nicht die gleiche Sprache sprechen und nicht dasselbe Leben führen, gibt es etwas, das uns verbindet. 
    Ich traf Aarti später noch einmal am Assi-Ghat. Weil Beat, ein Schweizer, der schon lange in Varanasi lebt und gut Hindi spricht, auch da war, bat ich ihn, ihr einige Fragen zu stellen. Sie gab ihm aber bloss zu verstehen, dass sie mich während der Tulsi-Puja in ihrer Welt herumgeführt hatte, weil sie mit mir eine spirituelle Verwandtschaft spüre. Über sich und ihre Geschichte erzählte sie ihm nichts. Dann begleitete ich sie an den Tulsi-Ghat. Sie setzte noch einmal zu einer langen Erzählung an, und je länger ich ihr zuhörte, desto klarer nahm ich ihre Verletzlichkeit wahr. Sie hatte inzwischen eine Hündin mit drei Jungen bei sich aufgenommen, für die sie aus alten Kleidern einen Platz eingerichtet hat. Sie bot mir Chai an, doch da sie ihn mit Gangeswasser zubereitet hatte, lehnte ich ihn ab.

Tempelrundgang


Beim ersten Tempel läutete Aarti die Glocke. Ich zog die Schuhe aus, wir traten zusammen ein und umkreisten den inneren Block. Das Wichtigste an diesem Tempel ist sein Wassergraben: Auf drei Seiten, die oben vergittert sind, führen je dreissig Stufen zum Wasser hinunter. Für Aarti ist es ein massgeblicher Ort in ihrem Quartier, und so wusste sie, welches der Gitter sich öffnen liess. Sie führte mich die Treppe hinunter, auf der überall verstreut nasse Kleider lagen. Diese werden von ihren Besitzern nach dem Bad im Ganges nass die Treppe hinunter geworfen, damit die Muttergöttin ihnen den Wunsch nach einem Kind erfüllt. In einer Ecke türmten sich dicke, in alte Saris gewickelte Kleiderbündel, die mich an Aartis Schlafplatz erinnerten. Sie trank etwas Wasser und träufelte sich und auch mir einige Tropfen über den Kopf.
    Wieder oben und draussen, auf einer stark befahrenen Strasse angelangt, tranken wir erst einen Chai, bevor wir einen Ashram besuchten, in dem zahlreiche Sadhus leben, die täglich in ihren orangen Kleidern an den Ganges pilgern. Die meisten sind ältere, oft raue Kerle, die hier ein Zuhause gefunden haben. Aarti wollte mich ihrem Babaji vorstellen und führte mich in einen etwas erhöhten Bereich, in dem rund dreissig Sadhus auf Stühlen sassen. Dies löste eine ziemliche Protestwelle aus. Ich war etwas irritiert, denn Aarti bestand darauf, dass ich ihr folgte. Doch die Männer liessen innert Sekunden einen Polizisten kommen, der mir ziemlich klar zu verstehen gab, dass ich hier nicht erwünscht war. Dies war denn auch für Aarti ein klares Zeichen, und wir verzichteten beide darauf, an diesem Morgen ihren Babaji zu begrüssen.
     Draussen auf der Strasse zeigte sie mir das Spital, das gleich gegenüber lag, in dem sie einige Zeit verbracht hatte.
Sie führte mich zum nächsten Tempel, und unterwegs kauften wir einen Sack Äpfel. Um einzutreten mussten wir uns durch eine niedrige Öffnung ducken. Dann befanden wir uns in einem sehr stillen Tempelhof, in dem ein anderer ihrer Babajis sass, der sehr freundlich wirkte. Aarti sprach eine Weile mit ihm, kniete sich dann vor ihn nieder und berührte seine Füsse. Sie besucht ihre Babajis regelmässig, um deren Füsse zu berühren, und dadurch gehört sie zu einer Gemeinschaft, die ihr als Sadhu-Frau Sicherheit gibt. 
Nach diesem fünfstündigen Rundgang kehrten wir an den Tulsi-Ghat zurück, wo noch immer viele Frauen um ihre Lehmfigur kreisten.

Tulsi, Ganges


Am folgenden Tag sollte am Tulsi-Ghat ein grosses Fest stattfinden, die Tulsi-Puja. Tulsi bedeutet in Hindi Basilikum – ein Fest also zu Ehren der heiligen Basilikumpflanze. Aarti hatte für diesen Anlass gemeinsam mit anderen Frauen vor ihrer Behausung eine etwa zwei Meter grosse liegende Figur aus Erde geformt, die sie mir an diesem Abend unbedingt zeigen wollte. Das Fest würde am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang beginnen. 
    Als ich gegen sechs Uhr früh ankam, war der Platz bereits voller Frauen. Sie sassen in Gruppen zusammen und hatten in ihrer Mitte alles ausgebreitet, was sie für das Ritual brauchten: Kupferkrüge mit Gangeswasser, Malas, Bananen, Kokosnüsse, rotes Farbpulver, Erde und Tulsi. In einigen Gruppen kneteten die Frauen aus Erde kleine Figuren und stellten sie in ihrer Mitte auf. Andere sangen Mantras und bewegten dazu kleine Tongefässe mit brennendem Docht, sogenannte Aartis; von diesen Lichtern leitet sich auch ihr Name ab.
 
Am Tulsi-Ghat traf ich Aarti und wir gingen zuerst zu ihrer Lehmfigur, die inzwischen mit Malas, Früchten und Aartis übersät war. Frauen berührten und umkreisten sie ohne Unterbruch. 
Sie führte mich danach die Treppe hoch auf die Dachterrasse «ihres» Gebäudes und zeigte mir den wunderschönen Ausblick über den Ganges bei Sonnenaufgang. Von einer schmalen Gasse her traten wir in das Gebäude ein. Ein leerer Gang, in dessen Mitte ein Steinwürfel stand, führte uns in einen Raum, der sich auf zwei Seiten öffnet. Hier standen mit Malas vollbehängte Figuren und um sie bewegten sich Menschen, die sich um sie kümmern. In dieser Stadt gibt es unzählige solche Götterstatuen, und ich hatte manchmal den Eindruck, dass es ihnen besser geht als vielen Menschen in Varanasi. Um dies wirklich verstehen zu können, fehlen mir jedoch die nötigen religiösen Gefühle.
Auf den Ganges hin öffnete sich ein breiter Gang, der durch eine «Gittermauer» den Blick nach draussen freigab. Von hier oben betrachtet strahlte der Fluss etwas Heiliges aus, hier glitzerte er in der Morgensonne und hatte nichts von der Kloake, die er auch ist.

Aartis Lied


Zwei Tage später besuchte ich Aarti erneut. Sie zeigte mir voller Stolz, wie sie kochte, und das Bild von Sita und Rama, das sie vor dem Einschlafen jeweils betrachtete. Neben ihrem Schlafplatz hatte sie inzwischen einen Eisenstab hingestellt, denn in der Nacht war sie ja bloss durch die zwei Saris geschützt, die sie jeweils vor ihren Eingang hängte. In Anbetracht der Männer, die hier bei Dunkelheit den Ghats entlang schlichen, war sie in ihrer Nische alleine als Frau doch sehr schutzlos. Lange erzählte sie mir von sich, von ihrem Leben, und dass sie eines Tages an dieser Stelle über den Ganges gehen werde. Dann sang sie mir improvisierte Lieder vor. Dabei wirkte sie sehr zerbrechlich. In einem dieser Lieder sang sie:

Alle sagen: Guru du bist ungebildet
Geh Guru, geh mit deinem Segen
Oh, diese Verrücktheit
was für ein Vergnügen
Auf dem Kopf ein roter Hut
Die Füsse in japanischen Sandalen
Aber mein Herz ist indisch
und noch immer stolz, Hindustani zu sein

Die Strasse ist offen
alle kommen auf offener Strasse
Dann gehen wir ganz hinauf zum Himmel
zu dir, bester Freund
Wenn ich von hier gehe
alles Gute, liebe Freundin
Wenn man von hier geht
trifft man vielleicht nicht das
was man erhofft hat

Die Wahrheit haben die Kinder
Du hast gehört
von meiner Schwärmerei für Gott
Wenn ich gehe
werde ich ein Lächeln haben
Irgendwann, liebe Freundin
müssen wir alle gehen
Und wer weiss, wann das ist
Gut
dann gehen wir halt
So ist das


Aarti


Kurz nach meiner Ankunft in Varanasi anfangs Juli fuhr ich zum Assi-Ghat und lief von dort aus den Ganges entlang, um einen geeigneten Ort für meine Videoarbeit zu finden. Jeder der achtzig Ghats hat eine andere Ausstrahlung. Vom ersten Moment an mochte ich den Tulsi-Ghat besonders gern. Zwei Treppen führen hinunter ans Wasser, und zwischen ihnen stehen drei kleine, zum Fluss hin offene Tempelhäuschen mit Götterfiguren in ihrem Inneren.
Ich setzte mich auf das Dach des mittleren, den Fluss im Rücken, und schaute lange direkt auf die Treppe und die Fassade des darüber stehenden Gebäudes.
    In den zwei kleinen Nischen rechts und links des verschlossenen Eingangs hatte sich eine Frau eingerichtet: Aarti – eine schöne, etwa fünfzigjährige Frau, die alleine als Sadhu in diesen Nischen am Ganges lebt. In der einen Nische sah ich eine kleine Feuerstelle und etwas Kochgeschirr. Das Holz zum Kochen suchte sie am Flussufer, und das Wasser schöpfte sie mit einem Tontopf aus dem Ganges. In der anderen Nische lagen einige Saris und alte Kleider – ihr Schlafplatz. Zum Trocknen hängte sie diese vor den Eingang und schützte sich so gleichzeitig vor unerwünschten Blicken.
 

Nicht weit von ihrer Nischenbehausung wollte ich die Kamera für meine Videoarbeit positionieren, und so setzte ich mich für längere Zeit an jener Stelle auf die Treppe und betrachtete das stete Kommen und Gehen der Menschen und Tiere am Fluss.
     Einige Tage später kehrte ich mit Alessandre, einem Schweizer Schriftsteller, an den Tulsi-Ghat zurück, um die Videoperformance «my Body my Place» aufzunehmen.

    Während Stunden sass ich auf dem Dach des mittleren Tempelhäuschen, bei über vierzig Grad Hitze, und schrieb all die kleinen Ereignisse, die ich um mich herum wahrnahm, auf ein Tuch. Aarti kauerte währenddessen vor ihrer Behausung und beobachtete uns. 
    Tage später, als ich wieder dort sass, setzte sie sich zu mir. Wir schauten uns einfach an, und dabei wedelte sie uns beiden mit ihrem Fächer Luft zu. In den folgenden Wochen besuchte ich sie immer wieder und brachte ihr jeweils ein paar Äpfel oder Mangos mit. In einem Stoffbeutel bewahrte sie ihre Bücher auf mit Götterbildern, die sie mir in Hindi beschrieb, und heiligen Texten, und aus denen sie mir zwischendurch immer wieder Passagen vorsang.

Der rote Fetzen


Einige Tage später kehrte ich an den Chowk zurück, um die Sicht von meinem Standpunkt im Mittelpunkt des Kreisels aus zu fotografieren. Auf der Strasse lag verloren ein kleines rotes Stück Stoff, das von niemandem beachtet wurde. Motorräder und Rikschas fuhren darüber, Menschen liefen daran vorbei. Mir jedoch erschien es wie ein Überbleibsel meiner roten Saris, ein kleines persönliches Zeichen; ich las es auf und nahm es mit.
     Vieles, was sich während meiner Performance um diesen Kreisel abspielte, sah ich erst in den Videoaufnahmen: die hierarchische Einteilung dieser Welt, die fast ausschliesslich aus Männern besteht, die sozialen und religiösen Codes, die mit der Bekleidung kommuniziert werden. 
Diese Codes für Frauen und Männer, für Religionen und soziale Schichten, sind für Uneingeweihte schwer zu entschlüsseln. Eine der grössten Herausforderungen, der ich mich in Varanasi stellen musste, war, zwischen meinem eigenen kulturellen Unverständnis einerseits und den menschlichen Ungerechtigkeiten andererseits zu unterscheiden. In dieser Stadt habe ich meine eigenen Grenzen auf vielen Ebenen immer wieder erfahren, und sie hat mir täglich meine eigene Endlichkeit vor Augen geführt.

Chowk


Chowk bedeutet so viel wie Kreisel, und einer dieser Kreisel kam mir wie der Nabel der Stadt vor. Deshalb hatte ich diesen Ort für meine Videoperformance ausgesucht, die ich mit meinem Objekt aus Sari-Strängen im öffentlichen Raum aufnehmen wollte. Um diesen Kreisel zirkulieren Tag und Nacht die unterschiedlichsten Fortbewegungsmittel: Rikschas, Handwagen, Motorräder, Fahrräder, Pferdegespanne und auch Autos. Unmengen von Waren werden von Trägern meist auf den Köpfen in die kleinen Läden in den schmalen Strassen der Altstadt getragen, die gleich dahinter beginnt. Gegenüber befindet sich eine grosse Polizeistation, die über eine Lautsprecheranlage entweder vor Taschendieben warnt, von der Abendzeremonie am Ganges berichtet oder Hindi-Musik spielt. 

    Am Chowk vorbei tragen oft Gruppen junger Männer die Toten auf Bambusbahren zum Manikarnika-Ghat, dem Verbrennungsplatz unten am Ganges. Meist sind diese in schöne rot-goldene Tücher gewickelt und mit Blumen geschmückt; begleitet werden sie von weiteren jungen Männern, die Mantras singen oder Holzscheite mit sich tragen. Direkt hinter der Polizeistation beginnt jener Stadtteil, der von Moslems bewohnt wird. Auch hier reiht sich ein kleines Geschäft an das andere, vorwiegend mit Haushaltartikeln. Am Rande des Platzes warten Blumenverkäufer mit ihren Malas auf Kundschaft. Dahinter liegt der Parkplatz für Autorikschas, deren Fahrer sich sofort auf einen stürzen, sobald man ihn betritt. Um den Kreisel herum sitzen Taglöhner und warten auf Arbeit. Die Strasse und der Chowk werden von allen genutzt. 
Hier stellte ich mich hin, das Objekt aus Saris wie eine grosse Mala um meinen Körper gewickelt – ein Fremdkörper. Fremd wirkte ich an diesem Ort als Weisse, als Frau, durch meine Kleider und das seltsame Objekt. Um mich herum herrschte in unterschiedlichen Tempi eine ununterbrochene Bewegung. Männer sassen um den Kreisel, beobachteten mich, inszenierten sich, schleppten Waren vorbei oder fuhren mit allen Arten von Fahrzeugen über den Platz. Einer wollte mir eine Blume schenken und lief etwas verärgert davon, als ich nicht reagierte, andere umkreisten den Platz mehrmals und betrachteten mich von verschiedenen Seiten.
     Ein älterer Taglöhner wies einen Strassenjungen an, sich neben mich zu stellen, um Teil des Bildes zu sein. Ein Polizist, der ihn beobachtete, drohte ihm mit seinem Stock, sodass er sich aus dem Staub machte. Während sich der eine sein Tuch immer wieder um den Kopf band und ein anderer frische Hosen anzog, sang eine Gruppe junger Männer das hinduistische Mantra mit, das aus den Lautsprechern der Polizeistation dröhnte.

Grand Trunk Road


Die Grand Trunk Road ist eine mehrspurige, dicht befahrene Strasse parallel zur Eisenbahnlinie. Sie ist die Hauptverkehrsader durch den ganzen indischen Subkontinent – von Kalkutta über Delhi bis nach Kabul – und wird vorwiegend von grossen Überlandlastwagen befahren. Hinter dem Bahnhof, zwischen dem Eisenbahntrassee und dieser Strasse eingeklemmt, liegt eine Hüttensiedlung aus Bambusstöcken, Plastikfolien, alten Saris, mit kleinen Feuerstellen und Unmengen von Müll. Der Strasse entlang werden bündelweise alte Saris zum Verkauf angeboten; weitere Ballen liegen am Strassenrand. Alles an diesem Ort ist mit einer dicken Staubschicht bedeckt, die Saris, die Hütten und auch ihre Bewohner.
    Ich stieg aus dem Tuktuk; sofort rannte eine Schar Kinder auf mich zu und alle wollten, dass ich sie fotografiere und dafür bezahle. Gleichzeitig lief eine Gruppe junger Männer mit einem Toten auf ihren Schultern die Strasse entlang. Sie hatten ihn in ein einfaches, weisses Tuch gewickelt, orange Blumenketten und etwas rotes Farbpulver schmückten ihn auf diesem letzten Gang – keine roten und goldbesetzten Stoffe, nur das Nötigste. Für die Träger schien es einfach ein Job wie jeder andere zu sein.
Als ich bei einer der Frauen einige Saris kaufen wollte, waren sogleich ihre fünf Kinder da und halfen mir beim Aussuchen. Mit der Zeit bildete sich von der Strasse her eine Traube neugieriger Männer um uns. Kaum hatte ich zwanzig Saris ausgesucht und mit ihr den Preis von zweihundert Rupien ausgehandelt, erschien ihr Mann und verlangte das Doppelte. Erst versuchte ich, ihm klar zu machen, dass sie es war, mit der ich verhandelt hatte, und dass er sich nicht einmischen solle. Es half nichts, und wir einigten uns auf dreihundert Rupien; er gab seiner Frau ein Zeichen, dass sie jetzt die Saris zu einem Bündel zusammen binden könne. Als er mir die Hand entgegen streckte, machte ich ihm wieder deutlich, dass ich das Geschäft mit seiner Frau begonnen hätte und ihr das Geld geben würde. Schliesslich gab er ihr erneut ein Zeichen, dass sie das Geld entgegennehmen könne. Sie nahm die Scheine, faltete zum Dank ihre Hände vor die Stirn und liess sie dann blitzschnell in ihren Büstenhalter verschwinden. Sie lächelte mir zu und ich hoffte, sie würde es behalten können. Denn bei meinem vorangehenden Besuch hier waren einige der Männer ziemlich betrunken und die Stimmung sehr angespannt gewesen, sodass ich ohne Saris wieder abgezogen war. Unterdessen hatten sich hinter mir einige der Männer mit ihren Rikschas positioniert. Sie wussten, dass ich eine auswählen würde; die enttäuschten Blicke der anderen waren jedoch nicht so einfach hinzunehmen.
    Zurück in meinem Atelier wusch ich die Saris, befreite sie von der grauen Staubschicht. Erst jetzt kamen die kräftigen Farben der einfachen, zerschlissenen Stoffe zum Vorschein. Die Objekte, die daraus entstanden, sind Porträts jener Frauen, die sie getragen haben, und sie erzählen von ihren unterschiedlichen Lebensentwürfen.

Sari-Codes


Ich hatte mir vorgenommen, mich während meines Aufenthaltes mit textilen Materialien – genauer mit dem Sari, dem indischen Frauenkleid – auseinander zu setzen. In Varanasi tragen auch heute die meisten Frauen den Sari, dieses etwa sechs Meter lange Stofftuch, das sie auf unterschiedliche Arten um ihren Körper wickeln. Farben, Muster und Materialien signalisieren Zivilstand, Zugehörigkeit und Status innerhalb der Gesellschaft. Diese für alle erkennbaren Codes können für Frauen auch eine Stigmatisierung bedeuten. Der Sari ist jedoch nicht mein Kleid, er würde mich nicht schützen, sondern ausstellen, preisgeben. 
    Nebst den festgelegten Codes suchte ich nach kleinen, unscheinbaren Zeichen, die durch das Tragen entstehen und die Geschichten der Frauen speichern: Brandlöcher, durchgesessene Stellen, Risse, geflickte Nähte. Die Suche nach gebrauchten Saris aus unterschiedlichsten Materialien war denn auch mein erstes Eintauchen in diese Stadt.
Ich hatte gehört, dass in der Altstadt zwischen Dashawamedh-Ghat und Golden Temple ein Schneider gebrauchte Seidensaris zu Kleidern verarbeitet. 

Diese Altstadt besteht aus unzähligen, nur etwa einen Meter breiten, namenlosen Gassen, mit Hunderten kleinen Läden, die alle irgendetwas anbieten, nur meist nicht das, wonach man gerade sucht. Beim ersten Besuch gelang es mir in diesem Gewirr von Strassen, Menschen und Tieren nicht, den kleinen Stoffladen zu finden. Selbst den Golden Temple, in dessen Nähe er sich befinden soll, hatte ich nirgends entdeckt, und so fuhr ich ohne Saris zurück in mein Atelier. Erst beim folgenden Besuch fand ich den Golden Temple. Er ist umschlossen von alten Häusern und darum von nirgends her sichtbar, ausser man steht direkt vor ihm, und auch dann ist er eigentlich nur als Fragment erkennbar. Ich fand schliesslich auch den Schneider Pintu. Als ich ihn nach den gebrauchten Saris fragte, holte er dicke Bündel aus dem Lager hervor. Je rund fünfzig gebrauchte Seidensaris werden mit einem Sari zu einem Ballen zusammen gebunden. So konnte ich aus einem riesigen Haufen nach Saris mit jenen Mustern und Farben suchen, die ich für meine Arbeit verwenden wollte.
     Im Atelier riss ich sie in unterschiedlich breite Bänder, ich knotete, nähte und flocht sie zu langen Strängen zusammen. Da, wo ich sie zusammenfügte, entstanden Verdickungen, Knoten – Zeichen für die Ereignisse im Leben der Frauen, die sie getragen hatten, angereichert mit meinen eigenen Vorstellungen. Die Seidensaris aus Pintus Schneiderei erzählen von einem Leben in der besseren Gesellschaft, denn seidene Saris werden nicht von jenen Millionen Frauen getragen, die unter dem Existenzminimum leben und um das Überleben ihrer Familien kämpfen. Diese Frauen müssen sich mit einfachen Baumwoll- oder Kunststoffsaris begnügen, meist so lange, bis sie fast auseinander fallen. Eine andere Welt, die ich an einem anderen Ort in dieser Stadt suchen musste.

Varanasi


Wie kann ich eine andere Kultur erfassen? Wie in eine fremde Welt eintauchen, die aus zahlreichen unterschiedlichsten Schichten besteht und nach mir völlig unverständlichen Regeln funktioniert?
     Varanasi, die indische Stadt Shivas am heiligen Fluss Ganges, in den vieles geworfen wird; Tote, Knochenreste nach den Verbrennungen, Blumen-Malas, Tierkadaver, Abfall und Unmengen von Abwasser. Hier lebte ich während sechs Monaten, zusammen mit Tausenden von Menschen, unterwegs in einer nie endenden Bewegung, begleitet von einem Konzert aus unterschiedlichsten Hupen. Meine mitgebrachten Vorstellungen dieses Ortes wandelten sich Schritt für Schritt zu Erfahrungen. Gewissheiten wurden in diesem Prozess immer wieder in Frage gestellt. Mein Körper litt unter der Hitze und Luftverschmutzung, denen ich mich in diesem Verkehrschaos nirgends entziehen konnte. 

    Es war aber gerade der Körper, der mir die Gewissheit gab, nicht bloss fremd, sondern in etwas Vertrautem verankert zu sein. Der Körper ist der erste Ort, die erste Hülle, Zelle, Grenze, die mich umgibt, das erste Haus in dem und mit dem ich mich bewege. Am Körper weisen wir auf, warum wir gehen und bleiben, durch den Körper kann ich mich selbst wahrnehmen und erfahren, an meine Grenze gehen. Dieses Zitat von Volker Adolphs wählte ich für meine Arbeit in Varanasi als Leitplanke.

Übersicht Blog-Einträge

Infos zur Ausstellung 2010-2011 in Aarau finden Sie in der linken Spalte.
Die deutschsprachigen Blog-Einträge können Sie unten anklicken.
Den englischen Blog (ausführliche Version) finden Sie hier >.






my Body my Place, Installation in Wil, Schweiz

Red Strings in New Delhi, Indien


Dr. Alka Pande, Kuratorin, zur Vernissage in der Experimental Art Gallery, November 2009

I would like to express my gratitude to Nesa Gschwend, who's acquaintance I made five months ago, to Florence Tinguely Mattli, who accompanied the exhibition from the Swiss Embassy's side, and to Thomas Imboden of CrossCulture, who brought us all together.
    In this room, which we named Experimental Art Gallery, we intended from the start to show works that visualise the artistic process. Nesa is one of the rare artists who opens this process to the viewers. Yesterday, she arrived with her bags, in which she had rolled up her textile installation, and it is fascinating for me to see how she has transformed this space with them.
    As a metaphor, she uses the sari, the standard dress of Indian women, and in her video the process of creating the long strings through tearing, knotting and combining the saris is made visible. Garlands, malas, have a central function in Indian culture. However, she places them in a new context, in which she includes her own experience with the Indian culture in Varanasi, where she visited places that are of great importance for us Indians, such as the Manikarnika Ghat. What Nesa did, was to bring back to us these places in her own language and with her own personal perspective.

Bringing together completely different cultures is what is happening on a global level. Her access to our culture is further visible in her drawings and in the small dress, the object on the floor. I had a fascinating conversation with her about this work, which she has developed like an anthropologist. For us, this exhibition is a step on a long journey of exchanges between Switzerland and India. It is not just about chocolate and watches, it is about art, and art is finally an exchange through the heart.

From the Exhibition Guest Book:

"Red Strings Through My Hands is a beautiful observation and perception, that allows the viewer a deep insight into the past, present and future of the Indian world. 
    To be a human in this world means to be the world, and life is what we, in a permanent boundless movement, make of it. In its eternal depth, life unfolds in all four directions and can be challenged from any angle. In his self expression, a human being is eventually invincible." Kuldeep Singh, author, Delhi

Einladung zur Ausstellung in Delhi, Indien

Link zum englischen 'Red Strings'-Blog 

Link zum India Habitat Centre, Delhi 

Link zu Dr. Alka Pande, Kuratorin

Red Strings Einladungskarte

Kopieren Sie die Karte auf Ihren PC und versenden Sie diese an Ihre Freunde!

Archiv · Red Strings Events 2009–2011


Red Strings Through My Hands
im Rathaus Aarau

  • 21. Januar 2011: öffentliches Gespräch über Indien mit Urs Aeschbach, Nesa Gschwend, Wenzel A. Haller und Carlo Mettauer
  • 19. November 2010: öffentliche Führung
  • 22. Oktober 2010: Vernissage mit Begrüssung durch Steffi Kessler, Kulturstelle Aarau, und Einführung durch Corinne Schatz.


aufWand Fluss in der Tuchlaube Aarau
  • Installation, Theatersaison 2010 / 2011
  • September 2010: Vernissage mit Einführung durch Lena Friedli


my Body my Place in der Kunsthalle Wil
  • 28. April 2010: Künstlergespräch mit Nesa Gschwend und Gabrielle Obrist
  • 11. April - 16. Mai 2010: Video - Installation - Zeichung
  • 10. April 2010: Vernissage